19
Aug

Der perfekte Hundetrainer und sein perfekter Hund…

„Na, du machst ja eh keine Fehler und dein Hund ist perfekt erzogen, oder?“

… werde ich ganz oft beim Erst-Gespräch gefragt.

Was ich darauf antworte?

Was ist perfekt?

Meine Hunde sind für mich perfekt, aber für jemand anderen vielleicht gar nicht…

Ich schreibe mir dick und fett auf die Fahne, dass ich gewaltfrei trainiere und keine Bestrafungen in Form von Einschüchterungen und körperlichen Züchtigungen anwende. Und JA, das setze ich natürlich auch mit meinen Hunden um. 

Aber:

Ich bin nicht perfekt, also kann ich auch nicht 100% sagen, dass ich nicht auch mal etwas tue, was ich nie so anleiten würde!
Wichtig ist: das sind Ausnahmen in Notfall-Situationen oder mal ein schlechter Tag von mir.

Wir sind eben nur Menschen…

…auch mal schlecht gelaunt und haben mal nicht so gute Nerven! Dazu noch ungeduldig, dann kann es passieren, dass auch ich mal gegen meine „Regeln“ verstoße! Was bedeutet, dass auch ich nicht immer nur positiv mit meinen Hunden umgehen kann.

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Was ich damit meine?

Ich gebe Euch für jeden meiner Hunde ein Beispiel:

Chico: … der Weltmeister im Leckerlies klauen aus Futtertaschen. Aus meiner als auch aus denen von Kunden und Freunden. Ich übe das anzeigen, versuche so gut wie möglich das unerwünschte Klauen zu verhindern und zu belohnen, dass er sich zurückhält, aber manchmal habe ich keine Nerven und an einem schlechten Tag von mir kann es schon mal passieren, dass ich ihn nach dem 10. Mal, wo er versucht gegen die Tasche zu hüpfen anpampe und etwas energischer da wegnehme.

Bringen tut es natürlich nichts, ausser dass mein Ventil aufging und ich kurzfristig etwas entstresst bin. Bei der nächsten Situation wird er es aber wieder machen.

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Pepper: …ist generell sehr gut abrufbar, aber es gab eine Situation, die sehr gefährlich war. Sie bekam eine Spur in die Nase und rannte geradeaus Vollspeed zwischen zwei Maisfeldern Richtung Landstraße. Es waren ca. 200 m noch bis zur Straße. Ich pfiff meine verschiedenen Signale, aber nichts kam an. Sie zuckte nicht mal mit einem Ohr.

Also bin ich hinterher gerannt, denn klar war, wenn sie weiter läuft, ist sie tot. Als ich ca. 50 m hinter ihr war, war sie noch ca. 30 m von der Straße entfernt. Da sie immernoch keinerlei Reaktion zeigte, hab ich meinen Schlüssel geworfen.  Aufgrund des Klapperns, ist sie erschrocken und hat gestoppt.

DAS WAR EIN ABSOLUTER NOTFALL.

Ich habe sie natürlich sofort belohnt und vorallem erstmal gekuschelt, weil ich selbst so froh war, dass ich sie zum stoppen bekommen habe. Wir haben die nächsten Tage das Schlüssel fallen positiv gegenkonditioniert, damit keine Angst vor dem Schlüssel entsteht.

Nochmal: das war ein Notfall und ich würde Schlüssel werfen NIE als Mittel zur Erziehung bzw. Training einsetzen!!!

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Skully: …unser Elefant im Porzellan-Laden. Robust, etwas irre und immer Vollgas unterwegs. Kopf anhauen und weiter rennen ist ganz normal. Wenn mir morgens um 5.30 Uhr dieser Bollerkopf mal wieder in die Kniekehlen donnert, weil Miss Energy meint, dass ihr Brustkorb so breit ist, dass sie nicht durch den Flur passt,  dann kann es schon mal passieren, dass ich sie anschnauze.

Bringen tut das natürlich auch nichts, ausser dass ich wieder ein Ventil hatte.

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Die positive Hundeerziehung bzw. der positive Umgang mit dem Hund wird teilweise leider immer noch sehr missverstanden und verpöhnt von wegen „Lass dir nur auf der Nase rumtanzen, nur weil du keine Strafe anwenden willst“.

Das hat damit überhaupt nichts zu tun.

Wenn mir was wichtig ist, dann trainiere ich das über Verstärkung und gebe dem Hund die Möglichkeit eine erwünschte Alternative zu lernen und ich verhindere das, was mich stört. Dazu muss ich aber keine Gewalt oder Druck einsetzen!!! Es gibt negative Konsequenzen OHNE den Hund einzuschüchtern oder zu unterdrücken!

Ein Beispiel: Skully verweilt sich wieder mal am Neckar. Ich rufe sie, sie kommt nicht. Ich gehe hin, leine sie an und nehme sie mit (wenn nötig auch unter leichtem Zug am Geschirr!). Das sind negative Konsequenzen, die den Hund weder änstigen noch einschüchtern. Die „Strafe“ dabei: der Spaß ist vorbei und es geht an die Leine.

IMG_4658Ist mir etwas nicht so wichtig, bin ich da auch nachlässig und lass es einfach „durchgehen“. Dazu gehört das Beispiel, dass Pepper gerne mal auf den Tisch springt. Zu Beginn habe ich geübt, dass sie unten bleibt, aber es ist mir einfach nicht wichtig genug. Sie kennt das Signal „runter“ und das macht sie zuverlässig. Steht sie also mal wieder auf dem Tisch, weil sie meint, man sieht sie sonst nicht, gibt’s Signal „runter“ und gut ist es für mich und auch für sie.

Es ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, was wichtig und perfekt ist.

Für mich ist es ok, wenn Pepper mal auf den Tisch klettert, was für jemand anderen ein No-Go wäre. Für diesen Mensch ist meine Pepper somit nicht perfekt.

Aber was ist auch schon perfekt?
Nichts und niemand.

Mit meinen Kunden bin ich übrigens sehr geduldig. Da mache ich es so, dass ich erkläre was ich bevorzuge und warum, was für mich No-Go’s sind und was ich im Training nicht unterstütze. Dazu gehören alle Dinge, die BEWUSST eingesetzt werden, um den Hund einzuschüchtern, zu ängstigen oder zu unterdrücken. 

Ich handhabe das übrigens auch mit meinem Menschen-Kunden so. Ich lobe sie sehr viel, Dinge, die ich nicht so gut finde aber Ausnahmen sind, ignoriere ich und gebe eine bessere und positive Alternative. Was natürlich auch mal dazu führen kann, dass man diskutiert, aber das kann man eben auch sachlich und ohne Stress.
Druck hat weder bei Menschen noch bei Hunden etwas verloren!!!

Mal rumschnauzen, wenn wir einen schlechten Tag haben oder etwas tun in einem Notfall, finde ich – als positiv arbeitender Trainer und Hundhalter – auch absolut nicht schlimm, sondern…

… einfach nur menschlich!!!

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Comments ( 2 )
  • Pauline says:

    Super sympathischer Beitrag!

    Hundetrainer die behaupten ihre Hunde würden immer und absolut 100 prozentig hören und spuren sind mir von vornherein schlichtweg unsympathisch. Denn mal ehrlich? Was suche ich als Kunde? Jemanden der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und dessen Hund Kadavergehorsam hat oder einen Trainer dessen Hunde selbst ihre Macken und Meisen haben und eben nicht perfekt sind? Der mich versteht und eben auch versteht wie es ist wenn es Probleme gibt. 
    Ich find das toll, und wunderbar das du dazu stehst eben auch mal die Geduld zu verlieren. :) Toller Beitrag!

    Liebsten Gruß,
    Pauline

  • nadine says:

    Dankeschön für das positive Feedback!

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