27
Apr

„Hirn wegen Umbau geschlossen“ – Hunde in einer schwierigen Phase

Von Anfang an alles richtig machen ist der Wunsch der meisten Welpen-Eltern. Viele besuchen daher direkt eine Welpen-Schule oder beauftragen einen privaten Trainer.

Sie üben mit ihm über Belohnungen und verzichten auf ängstigende Strafe. Ihr Welpe achtet sehr auf Sie, weicht Ihnen kaum von der Seite und es entwickelt sich eine ganz tolle Beziehung.

Ihr Welpe geht mit Ihnen sicher durch den Alltag und das Geübte kann mit großer Sicherheit ausgeführt werden. Trainierte Signale wie z. B. Sitz, Bleib oder der Rückruf klappen super.

Sie freuen sich, wie toll Ihr junger Hund das alles macht.

Zum Glück fallen nun nacheinander die spitzen Zähnchen aus und das „Beisseln“ tut weniger weh.

Sie freuen sich von Anfang an alles richtig gemacht zu haben.

Bis zu dem Punkt, wo sich alles ändert:
„Hirn wegen Umbau geschlossen“.

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Bei den einen früher, bei den anderen später. Meistens beginnt es kurz nach dem Zahnwechsel.

Auf einmal geht (fast) nichts mehr.

Ihr Hund entfernt sich immer weiter von Ihnen, der Radius wird größer. Er erkundet die Umwelt wie nie zuvor. An Rückruf ist überhaupt nicht zu denken. Ohren sind auf Durchzug.

Die Leinenführigkeit lässt stark zu wünschen übrig. Der Hund zieht, hat es eilig, rennt hektisch von rechts nach links.

Eine Schnüffelstelle nach der anderen wird genaustens inspiziert. Es wird markiert und gegenfalls auch Urinstellen abgeschleckt.

Ihr Hund ist kaum ansprechbar, sie versuchen immer wieder an ihn ranzukommen, aber es scheint als habe er seine Ohren verkauft.

Ihr Hund ist insgesamt stressanfälliger und kann sich nur schwer konzentrieren.

Sie fühlen sich als reinen Hunde-HALTER. Er hat alles andere im Kopf, nur nicht Sie.

Signale, die bisher super funktioniert haben, sind wie vergessen. Manchmal –unter geringer Ablenkung- klappt mal wieder etwas, aber meistens klappt gar nichts mehr.

Reize, die bisher nie ein Problem waren, werden nun von Ihrem Hund als bedrohlich eingestuft, unterwegs knurrt er auf einmal gewisse Dinge an.

Ihr Hund spielt auf einmal nicht mehr mit jedem Hund, sondern wählt seine Freunde genau aus. Fremden Hunden gegenüber ist er teilweise sehr abweisend.

Ihr Hund zeigt anderen Hunden gegenüber Imponierverhalten und es kommt auch zu dem ein oder anderen Konflikt.

Sie sind frustriert.

Das ganze Training der letzten Monaten komplett umsonst,
denken Sie.

Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, durchforsten das Internet nach Antworten. Holen sich eine zweite Meinung eines anderen Trainers ein.

Sie bekommen Antworten wie:

  • Ihr Hund testet Sie nun. Das dürfen Sie ihm jetzt nicht durchgehen lassen.
  • Er ist nun im Rüpelalter, jetzt müssen Sie aufpassen.
  • Der tanzt Ihnen auf der Nase rum, lassen Sie sich das nicht gefallen.
  • Jetzt wird er dominant, zeigen Sie ihm, dass Sie der Chef sind.

Ein Teufelskreis beginnt.

Jetzt in dieser wichtigen, hoch sensiblen Phase greifen viele Menschen doch zu Strafe. Jetzt wo es so wichtig ist, dem Hund zu helfen und nicht gegen ihn zu arbeiten. Jetzt wo er sehr viel Verständnis braucht für seine Entwicklung, jetzt wird sein Mensch doof zu ihm.

Was passiert? Eine vertrauensvolle Beziehung wird kaputt gemacht.

Er wird Ihr „Durchsetzen“ nicht mit seinem Verhalten in Verbindung bringen. Wie auch… Sein Gehirn ist gerade wegen Umbau geschlossen. So wie er gewisse Dinge nicht abrufen kann, die sie mit ihm trainiert haben, genauso wenig kann er verstehen, warum sie nun verärgert sind und er bestraft wird.

Vielmehr ist er überfordert und mit Reizen überflutet. Er kann sich ganz oft gar nicht anders verhalten!

Er versteht nun gar nichts mehr. Seine Bezugsperson, die er nun wirklich braucht, ist nicht für ihn da.

Das Training über Belohnung ist auch weiterhin effektiv und mit dem, was sie bisher aufgebaut haben, haben sie eine super Basis geschaffen. Diese ist nicht weg. Das Erlernte ist nur momentan nicht abrufbar. Wenn Ihr Hund nicht aufnahmefähig ist, brechen Sie Training ab. Es kommt eh nicht an!

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Merken Sie sich: Kein Hund tut etwas um Sie zu ärgern!

In dieser hochsensiblen Phase ist es wichtig zu verstehen, was gerade in dem Hunde-Gerhin vorgeht. Nur, wenn sie wissen, warum Ihr Hund gerade so drauf ist und Ihre Nevern strapaziert, nur dann können sie gemeinsam und vertrauensvoll die schwierige Zeit meistern!

Ein Trainer, der Ihnen sagt, dass Sie sich jetzt durchsetzen müssen. Den Hund mittels körperlichen Bedrohungen wie Zwicken oder Schupsen zurechtzuweisen oder auch Schreckreize wie Rappeldosen einzusetzen, um Verhalten zu bestrafen hat ganz und gar nicht verstanden, was gerade in dem Lebewesen vorgeht. Vielleicht kennt dieser die hochkomplexen Vorgänge auch gar nicht?!

Wer wissen möchten, was genau im Gehirn passiert, sollte sich diesen Artikel von Heike Benzing zu Herzen nehmen: Adoleszenz – Der faszinierende Weg der Jugendentwicklung

Ihr Hund braucht Sie jetzt !

Verlassen Sie sich daher bitte auf die Trainer, die wissen, was in Ihrem Hund vorgeht und auch wenn es anstrengend und nervig ist:

Halten Sie durch!

Sie bekommen dafür eine tolle Beziehung zu Ihrem Hund, ein Hund, der Ihnen vertraut, eng mit Ihnen verbunden sein wird und nach der schwierigen Phase wieder ganz bei Ihnen sein wird!

Also: Augen zu und durch!

Wir sind immer für Sie da!… mit Training, Tipps und gerne auch einfach nur als „Seelsorger“, wenn mal wieder gar nichts geht und Sie ihn am liebsten in Ebay verkaufen würden.

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Comments ( 12 )
  • Iris says:

    Großartig – ich bin positiv sprachlos!!
    Toll geschrieben!!!! – Respekt

  • nadine says:

    Vielen Dank !

  • Shiva Wuschelmädchen says:

    Vielen Dank! Genau so ist es. Die kleinen Racker sind eben auch nur PuberTIERE und werden erwachsen. Da wird die Welt getestet. 

    Flauschige Grüße 
    Sandra & Shiva

  • Nadine says:

    Danke!!!!  Genau das alles hatten wir in den letzten Monaten…Verzweiflung und am Rande des Wahnsinns.Es ging echt nichts mehr… Aber- seit ein paar Tagen ist Besserung in Sicht. Besonders schön so kurz vorm 1.Geburtstag!!!
    Alles Liebe, Nadine mit Mina

  • nadine says:

    Sehr gerne. Durchhalten!

  • Steffen Kröber says:

    Toller Artikel – danke dafür!

  • Stina says:

    Oh man! Der Artikel spricht mir aus dem Herzen! Wir sind gerade am Anfang und es klappt so vieles nicht! Ich halte meine Hoffnung also aufrecht und erwarte den 1. Geburtstab ;)

  • nadine says:

    Auge zu und durch! Mit viel liebe und Geduld!

  • Stephanie says:

    Ganz toller Artikel der mich immer wider aufbaut. Unser Rüde 19 Monate ist jetzt genau in dieser Phase. Ich hoffe wir schaffen das ?

  • nadine says:

    Mit Sicherheit. Augen zu und DURCH !

  • Helmut Tober-Matteo says:

    Naja, den Spruch gebrauche ich zwar auch oft aber eigentlich findet ja genau das Gegenteil statt. Das Gehirn befindet sich in einer extremen Phase, in der eben neue Einflüsse zu den anderen bereits vorhandenen hinzukommen und dies neu bewertet wird. Also nicht geschlossen, sondern voll auf Empfang, nur nicht so, wie wir uns das als Menschen wünschen (ist bei Kindern im Teenageralter ja auch nicht anders).

    Vereinfacht gesagt: Es wird alles in Frage gestellt, damit es dann als erwachsener Hund (oder eben auch Mensch), der selbstständig leben muss, besser klappt. Eine der wichtigsten Phasen überhaupt.
    Genau jetzt gilt es souverän zu bleiben und den „Umbauprozess“ positiv zu beeinflussen. Nicht immer leicht, aber sehr lohnenswert.

  • nadine says:

    Klar, gebe dir Recht… Was ich in dem Text zum Ausdruck bringen möchte ist, dass man in dieser wichtigen und auch schwierigen Phase nicht aufgeben darf und bitte auf keinen Fall den Hund bestrafen! … leider verlieren viele Menschen in dieser Phase die Geduld.

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