05
Sep

„Click“ für Nix? – warum frühes Belohnen so wichtig ist…

Artikel von Julia

Kosmo: reaktiv, unsicher, misstrauisch, geräuscheempfindlich, …

10501764_10205830652858452_4149240908049074416_n

Wenn andere Menschen mitbekommen, wie ich auf Kosmos Verhalten reagiere, kommt es häufig zu Irritationen. Irritiert sind die Leute davon, wofür ich Kosmo belohne… denn ich belohne ihn für ein Verhalten, bei dem ich dann gefragt werde: „…der macht doch gerade gar nix?“ …

Ja eben! weil er

Nix macht!

Für einige scheint es unverständlich, weshalb ich ruhiges Verhalten belohne.

Aber warum?
Was möchte ich von meinem Hund?

Raschelt es beim Waldspaziergang neben uns im Gebüsch, möchte ich garantiert nicht, dass er ins Gebüsch springt, dem Rascheln auf den Grund geht und jagt. Ich möchte, dass er ruhig mit mir auf dem Weg weiter geht. So lange er das tut, bekommt er von mir ein „Click“ plus Belohnung dafür!

Findet er einen entgegenkommenden Hund blöd, möchte nicht, dass er das laut bellend mitteilt, sondern den anderen trotzdem ruhig vorbeigehen lässt. Wenn er ruhig ist , gibt’s schon beim Annähern an den anderen Hund immer wieder ein paar „Clicks“, dafür, dass er Nix tut.

Nix tun

= Ruhig bleiben!

→ erwünschtes Verhalten!

940895_10207511195750974_2854394949592950150_n

Ich weiß genau, das Kosmo unsere Nachbarn als Bedrohung ansieht, wenn sie ganz nah an unseren Zaun kommen. Da sie natürlich keine wirkliche Bedrohung sind, möchte ich auch nicht, dass Kosmo zum Zaun rennt und bellt. Schafft er es also Nix zu tun, bekommt er sein „Click“ plus Belohnung.

Nix tun

= Nachbarn ruhig beobachten statt bellend vertreiben!

Ja, ich belohne Kosmo fürs rumliegen, sitzen und mich anschauen, fürs schnuppern, abwenden und beobachten.

Und ja, in manchen Situationen auch nur fürs atmen und ansonsten „Nix tun“.

Weil es genau das ist, was ich von ihm in manchen Situationen möchte.

Und andererseits ist es das, was ihm in genau diesen Situationen sehr schwer fällt.

Weil ich weiß, er jagt die Nachbarskatze, wenn sie zwei Meter vor ihm sitzt, dann belohne ich ihn schon dafür, dass er sie am anderen Ende der Straße noch ruhig beobachten kann, ohne los zu sprinten.

Weil ich weiß, er hat Angst vor lauten Knallgeräuschen, belohne ich ihn schon für das Ertragen einer zuschlagenden Tür in der Ferne.

Weil ich weiß, er mag es nicht, von Fremden angefasst zu werden, belohne ich ihn schon dafür, dass er es aushält, dass eine fremde Person neben ihm steht.

Weil ich weiß, dass er frontale Hundebegegnungen auf engen Wegen nicht mag, belohne ich ihn bereits für ruhiges Verhalten in 10 Metern Entfernung.

14908251_10209357409545165_5678037525325037408_n

Ich könnte hier ewig weiter aufzählen… Im Zusammenleben mit seinem Hund findet man heraus, was ihm unangenehm ist und was ihn an seine Grenzen – und vor allem – darüber hinaus bringt. Wieso ihn also in blöde Situationen hineinlaufen lassen, ihn stressen und selbst frustriert sein?

Lieber lobe ich ihn auf dem Weg zu einem anderen Hund 10 mal bei jedem ruhigen Schritt, als 10 (ruhige, gute!) Schritte lang nichts zu tun und ihn dann bellend in der Leine hängen zu haben…nur weil ich ihm nicht rechtzeitig gezeigt habe, welches Verhalten ich gerne von ihm hätte?

Wir Menschen neigen leider dazu, gutes Verhalten einfach hinzunehmen. Vielleicht freuen wir uns still für uns, sind zufrieden, dass es klappt. Aber weil es ja eben „sowieso klappt“, wird es nie honoriert. Aber das eine mal, das blöd gelaufen ist, das stört uns total und bleibt noch lange im Gedächtnis. Und dazu kommt, dass das eine blöde Mal vielleicht gar nicht passiert wäre, hätte vorher mal jemand gesagt, wie toll man sich die ganze Zeit doch schon verhält.

Und gerade am Anfang, wenn der Hund neu bei uns eingezogen ist, er noch ein Welpe ist oder wir seine Vorgeschichte nicht kennen, wissen wir noch gar nicht, was er schon alles kennen gelernt hat. Wir wissen nicht, womit er umzugehen weiß und womit er vielleicht noch unsicher ist.

Vielleicht ist das das erste laute Flugzeug, das er erlebt… der erste viel größere, wuschelige Hund…der erste Luftballon…das erste rennende Kind…der erste Regenschirm…Bei all den Dingen, die für uns selbstverständlich sind, können wir am Anfang nicht wissen, ob der Hund bereits gelernt hat, damit umzugehen.

Wie zeige ich meinem Hund am besten, wie er mit einer Situation umgehen kann?

Indem ich das „richtige“ Verhalten verstärke. Und welches Verhalten ist das in ganz vielen Fällen?

Das so oft falsch interpretierte

Nix tun!

→ Ruhig sein,
→ liegen bleiben,
→ etwas nicht beachten,
→ Situationen aushalten,
→ an lockerer Leine gehen,

usw…

… schaut man mal genau hin, leistet ein Hund beim „Nix tun“ eine ganze Menge!

21078765_10212062954502098_166096823282977459_n

 

 

 

 

 

Comments ( 4 )
  • Petra says:

    Thanks for this article! Nice written! Nice style and performance!

  • nadine says:

    Thanks :-)

  • Julia says:

    Mache ich auch so, wenn er zum Beispiel an der Straße ruhig bleibt obwohl ein Bus oder Laster vorbei fahren.

  • Andy says:

    Ein sehr guter Beitrag. Vor allem erkenne ich darin mein Training mit meinen beiden kleinen „Krawallos“. Meine beiden Hunde habe ich „gebraucht“ übernommen. Sicherlich hatten beide keine gute Vergangenheit, aber für mich keine Ausrede, um ruhig und entspannt durch den Alltag gehen zu können. Mit dem Clicker-Training ist u.a. die Leinenaggression bis heute gemildert. Viele Menschen schauen aber skeptisch, was ich mit den Hunden mache…Der Beitrag enthält viele Gemeinsamkeiten.

Leave A Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *